Die Malerei ist in erster Linie eine Kunst des Sehens, da sie mit ihren Farben und Formen vor allem die Augen anspricht. Das Sehen ist eng verknüpft mit dem Prozess der Erkenntnis, man möchte etwas mit eigenen Augen sehen, um es zu begreifen und gleichzeitig sieht man oft nur das, was man kennt, wofür man Begriffe gebildet hat. Wirklich Neues nimmt man also eher an den Stellen wahr, wo etwas aus der Gewohnheit tritt: im Staunen, nicht sofort einordnen können, der Neugier oder sogar in der Irritation. Willi Baumeister schreibt in „Das Unbekannte in der Kunst“ über den Unterschied von Schauen und Sehen. Ist das Sehen ein fokussierender, zweckhafter, rational erkennender Vorgang, so schweift im Schauen der Blick, löst sich vom nutzgebundenen, geübten Erfassen und ertastet sehend die Welt. Mit ihrer
Materialität und Farbigkeit laden die Bilder von Ursula Helene Neubert gerade dazu ein, die Qualitäten des scharfen Sehens und offenen Schauens zu entdecken. Die Malerin nimmt die Betrachtenden mit in ihre Sichtweise der Dinge, in das Reich der Pflanzen, Blüten und Blumen am Wegesrand und in den Prozess des Werdens und Vergehens. Dieser Blick ist einerseits so alltäglich vertraut und doch kann man die Natur in Neuberts Bildern in vielen Sehweisen erforschen: schauen, blicken, betrachten, sehen, den Blick schweifen lassen und wieder fokussieren: mal erkennt man klare Blütenformen und dann lösen sie sich wieder auf in eine reine Farberscheinung. Es ist ein Spiel von Gegenständlichkeit und Abstraktion, von Bild und Grund, von Linie und Fläche, von Leuchten und Scheinen. Neuber schätzt die freie, experimentelle Arbeit mit dem reinen Farbpigment und das Mischen der Eiöltempera. Das Malen beginnt schon im Prozess des Farbemischens.
Der Bildträger aus Jutestoff verbirgt in seiner Verwendung seine Herkunft aus der Pflanzenwelt nicht und wird wesentliches Gestaltungselement in der Malerei. So blitzt sein belassener, nur teilweise mit Grundierfarbe umschlossener Farbton immer wieder zwischen den leuchtenden Farbflecken hervor. Der Bildgrund schwebt mit etwas Abstand vor der Wand und wird so in seiner Objekthaftigkeit betont. Die offenen Bildkanten mit ihren Fasern nehmen Kontakt mit der Wandfläche und dem Raum auf und es entsteht ein fragiler, zarter Eindruck der im Gegensatz zu dem an sich rauen Gewebe und der kräftigen Farbflächen steht. Betrachtende finden in den Bildern einen Dialogpartner, man steht sich gegenüber; tritt man nah heran, wird man klein wie ein Insekt und taucht ein die bunte Blütenwelt, nimmt man Abstand, so erfasst der Blick das Ganze, folgt den Linien und Flächen bis in die zarten Fransen an den Bildrändern.
Sehen lernen im Schauen! Diese Bilder laden immer wieder neu dazu ein! Wulpekula Schneider-Martens, 2022