COEXISTENTIA
Auszug aus der Einführungsrede von Jutta Saum

Auf gemeinsamen ausgedehnten – meist schweigend geteilten Streifzügen – entdeckt Ursula Helene Neubert gewachsene Farbklänge in der Natur, wobei die Zartheit und Vielgestaltigkeit der Vegetation und das schier unendliche Farbspektrum ihr als Inspirationsquelle für ihre Malerei dienen. In den hier ausgestellten aktuellen Arbeiten kann man den naturnahen Bezug zwar noch erahnen, aber sie haben sich fast vollständig zu reiner Farbmalerei gewandelt, bei der die Farbe zur autonomen Kraft wird. Hier ist die dienende Funktion der Farbe, etwas Gegenständliches abzubilden, aufgehoben. Farbe behauptet sich als eigene Wirklichkeit im Bild. als Wiederschein der erlebten Welt. Im ergebnisoffenen Prozess erforscht die Malerin das Zusammenwirken von Farbtönen, balanciert Kontraste aus und schafft orgiastische Farbkompositionen von explosiver Kraft, die sich in den Raum hinein zu entladen scheinen. Es ist kein geplantes Vorgehen, sondern ein intuitiver Malprozess, bei dem sich Ursula Helene Neubert an komplexe Farbsetzungen herantastet, um ein spannungsreiches Gleichgewicht zu schaffen. Was so leicht und luftig aussieht, basiert auf einer Vielzahl von Entscheidungen, die sich manchmal über mehrere Wochen hinziehen, aber mit dem ersten Strich auf der Leinwand beginnen. Opakte Flächen stehen neben transparenten Partien – Überlagerungen neben Durchblicken – Verdichtung neben Auflockerung, unterschiedliche Farbwerte lassen Partien optisch nach vorn oder weiter nach hinten treten und bauen so Farbräume auf. Die Malerei wächst, erblüht, sprießt als Referenz auf Natur. Diese Bilder sitzen nicht still in der Ecke, sondern sind lebendig wie die Natur selbst. Es gibt kaum etwas, in dem sich Individualität besser ausdrücken lässt als in Farbe. Sie ist die sinnliche, körperliche Materie, mit der die Malerin in direkten Kontakt tritt: Tempo und Bewegung vor dem Bild hinterlassen ihre Spuren auf dem Bild, der Duktus verzeichnet seismografisch die Dynamik seiner eigenen Entstehung. Farbe wird dabei – jenseits gefälliger oder konventioneller Farbharmonien – zum Träger emotionaler Gestimmtheiten und zum wesentlichen Ausdruck der Bilder.

Nicht zuletzt hat Ursula Helene Neubert spürbar auch Freude an der Malerei selbst. Gibt man sich ganz ihren Bildern hin, schwelgt man in einer Atmosphäre der Heiterkeit und des Trostes und spürt hautnah die belebende Wirkung des sinnlichen Erlebnisses, das sich immer noch aus der Natur speist und gleichzeitig die Wertschätzung der Malerin für die Natur wiederspiegelt.